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„Kulturelle Bildung ist politische Bildung ist kulturelle Bildung“

Am 14. September 2021 trafen sich Luise Meergans & Thomas Krüger vor (digitalem) Publikum auf einen Kultur-Tee. In diesem Blog-Beitrag wurden die Kernaussagen des Gesprächs zusammengefasst.

Vor Veröffentlichung des NfkB-Positionspapiers zu Kinderrechten trafen sich Netzwerkerin Luise Meergans, Abteilungsleiterin für Kinderrechte und Bildung beim Deutschen Kinderhilfswerk e.V. und Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und (ehrenamtlicher) Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes auf einen Kultur-Tee. Eine gute Stunde sprachen sie im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vor (digitalem) Publikum über die Schnittstellen von kultureller und politischer Bildung, die Bedeutung von kultureller Bildung in der frühen Kindheit, kulturelle Bildung als Kinderrecht sowie über die Rahmen- und Qualitätsbedingungen gelingender kultureller Bildung. Daran anknüpfend stellten sie Forderungen an Politik und Gesellschaft auf. Im Weiteren folgt eine Zusammenfassung der Kernaussagen des Gesprächs.

Hohe Relevanz der frühkindlichen Bildung für die politische und kulturelle Bildung

Eigene Meinungsbildung und Emanzipation gehören zum genetischen Code der politischen Bildung. Auch die frühkindliche Bildung sei dabei besonders relevant, innerhalb dieser das Erlernen von Formen und Wegen sozialer Interaktionen für die Alters- und Entwicklungsstruktur von Kindern eine entscheidende Rolle spiele. Im Zuge dessen werde ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt: Es gehe nicht nur um das kognitive Erlernen, sondern darüber hinaus um das Verhandeln sozialer und emotionaler Fragen. Laut Krüger dürfe frühkindliche Bildung nicht als „vorpolitisch” abqualifiziert werden, da hier Grundlagen für gesellschaftliche Teilhabe gelegt werden.

Kinder, die bereits in jungen Jahren Beteiligungserfahrungen erleben, haben beispielsweise eine deutlich höhere Chance, der Reproduktion von Armut zu entkommen. Teilhabe könne den Bildungsweg somit intrinsisch stützen und Kindern dadurch zu einem hohen Maß an Selbstbewusstsein verhelfen, da sie aktiv gelernt haben, sich zu beteiligen, zu widersprechen und sich einzumischen. Eine KiTa sei in diesem Zusammenhang – neben dem Betreuungsaspekt – vor allem als ganzheitliche Bildungsveranstaltung zu betrachten.

Schnittstellen von politischer und kultureller Bildung

Politische und kulturelle Bildung besitzen einen hohen Grad an Überschneidungen und seien daher schwer voneinander getrennt zu betrachten. Besonders die sozio-kulturelle Form von kultureller Bildung decke einen Großteil des Selbstverständnisses politischer Bildung ab, so Krüger. Dennoch könne kulturelle Bildung nicht unter politische Bildung subsumiert werden. Ästhetische Erfahrungen spannen einen Horizont auf, der durch die klassischen Fragen politischer Bildung nicht vollständig abgedeckt werde.

Kulturelle Bildung berühre zudem Fragen des Grenzüberschreitens, des Grenzenlosen und des nicht real Einfangbaren. Sie könne emotional und überwältigend sein und Kreativität und Fantasie freisetzen. Im Gegensatz zur politischen Bildung müsse sich der Weltbezug in der kulturellen Bildung nicht notwendigerweise auf die reale Welt beziehen. Politische und kulturelle Bildung können sich daher gegenseitig beleben und mit Impulsen versorgen.

Frühkindliche Demokratiebildung und kulturelle Bildung

Partizipative Erfahrungen und Selbstwerterfahrungen als Formen frühkindlicher Demokratiebildung seien ohne kulturelle Bildung kaum denkbar, betont Luise Meergans. Beteiligung sei konstitutiv. Die Frage nach Partizipation sei deshalb eine Schlüsselfrage politischer und kultureller Bildung. Wichtige Selbstlernprozesse können schon im frühkindlichen Alter ermöglicht werden – und zwar durch gute Rahmenbedingungen und nicht durch Vorgaben. Bildungseinrichtungen und Pädagog:innen tragen dabei ein hohes Maß an Verantwortung, das macht Notwendigkeit von Professionalisierung auch in Bezug auf Partizipation deutlich.

Kulturelle Bildung als Kinderrecht

Kulturelle Bildung ist ein Kinderrecht – so spezifisch zwar nicht in der UN-Kinderrechtskonvention verankert, jedoch im Zusammenspiel vieler Artikel dennoch eindeutig. Die Artikel weisen darauf hin, wie wichtig die Reflexion der Kinderrechte im Kontext der frühkindlichen Bildung sei und machen dadurch die konstitutive Dimension der kulturellen Bildung deutlich. In der Fachszene der kulturellen Bildung sei jedoch noch Luft nach oben: Dass Kinderrechte geltendes Recht sind, werde viel zu oft ausgeblendet bzw. gar nicht erst gewusst und müsse wiederholt ins Bewusstsein gerufen werden.

Thomas Krüger appelliert dabei an Akteur:innen kultureller Bildung, Kinderrechte in der eigenen Praxis zu reflektieren und diese bewusst als Instrument zu nutzen, um kulturelle Bildung stark zu positionieren. Kinderrechte und kulturelle Bildung könnten eine große Koalition eingehen und dadurch ein Feld abstecken, das fundamentale Bedeutung für das weitere Leben habe.

Kinderrechte und kulturelle Bildung in der frühkindlichen Pädagogik

Wie kann es in Zeiten von Personalmangel, fehlender Nachwuchsförderung und mangelnder gesellschafts-politischer Anerkennung gelingen, KiTas als Hort für politische und kulturelle Bildung – als Ort für Demokratiebildung – zu manifestieren und gleichzeitig pädagogische Kräfte dafür zu begeistern?

Der frühkindliche Bereich müsse dafür zunächst aus der Betreuungsnische herausgeholt und als Bildungsaufgabe anerkannt werden. Die bei Erzieher:innen vorhandene Expertise sei dabei mindestens mit der von Grundschullehrer:innen gleichzusetzen – mitunter sogar als vielfältiger zu betrachten. Erweiterungen – wie die praktische Verankerung von Kinderrechten – sollten zudem bereits in Bereiche von Ausbildung und Tarifierung integriert werden, während Wertschätzung und Anerkennung einer politischen Organisation bedürfen, um zusätzlichen Belastungen vorzubeugen. Diese neben weiteren Maßnahmen könnten zu einer breiteren Wahrnehmung der Chancen und Potenziale politischer und kultureller Bildung für pädagogisches Fachpersonal führen.

Was ist „gute“ kulturelle Bildung?

Kulturelle Bildung hat – wie jede Form von Bildung – einen Anspruch auf Qualität. Dabei ist es notwendig, konkrete Ziele zu formulieren. Zu den Zielen gelingender kultureller Bildung gehöre, laut Thomas Krüger und Luise Meergans, dass ein Kind infolge kultureller Bildung Kreativität und Fantasie freisetze, Selbstwertgefühl herausbilde, eigenen Willen und Interesse zum Ausdruck bringe und eine eigene Ästhetik entwickele.

„Gute“ kulturelle Bildung verändert Kinder nachhaltig, macht sie lebendiger, selbstständiger, autonomer und sozialer.

Thomas Krüger

Damit kulturelle Bildung als ein Durchlauferhitzer für gelingendes Erwachsenwerden fungiere, müssen die Grundlagen dafür bereits im frühkindlichen Alter gelegt werde. Kulturelle Bildung ermögliche Kindern, die Welt nicht als durchkalkuliertes Regelwerk zu erfassen, sondern besitze Potenzial, die Welt als Ganzes zu erweitern.

Politische Forderungen frühkindlicher kultureller Bildung

Kinder haben das Recht auf politische sowie kulturelle Bildung, weshalb beide gleichermaßen institutionell im Bereich der frühkindlichen Bildung verankert werden müssen. Zusammengefasst bedeutet das: Kulturelle Bildung ist politische Bildung ist kulturelle Bildung.

Kulturelle Bildung habe längst nicht ihr Potenzial ausgeschöpft und stehe vor großen Herausforderungen. Eine Verortung im Bereich der formalen, formellen sowie informellen Bildung sei daher unabdingbar. Sie müsse sich sowohl in den klassischen Bildungsinstitutionen als auch an außerschulischen Orten etablieren.

Werden kulturelle Bildungsprozesse in der Kita angestoßen, müsse stets im Blick behalten werden, dass auch außerhalb der Kita selbstorganisierte Auseinandersetzung mit kultureller Bildung stattfinde: In der Familie, mit Freund:innen, im Netz, was wiederum eine große Herausforderung beim Erfassen der Komplexität und Gesamtheit kultureller Bildung bedeute. Ferner gehöre dazu auch, den digitalen Wandel zu rezipieren.

Kulturelle Bildung müsse Kulturalisierungsprozesse reflektieren, in den thematischen Fokus rücken und zur strategischen Positionierung genutzt werden. Auch dürfen dabei Selbstlernprozesse von Kindern nicht außer Acht gelassen und müssen stärker ins Blickfeld gerückt werden.

Das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen sei vorhanden, werde jedoch durch die Strukturen und das Verhalten von Öffentlichkeit und der Erwachsenengeneration fortlaufend zurechtgestutzt und eingeschränkt. Das Potenzial, was Kinder und Jugendliche freisetzen können, bietet Möglichkeiten, auch das Erwachsenenleben lebenswerter zu machen und genau das sollte kulturelle Bildung in Kombination mit politischer Bildung und einem wegweisenden Plädoyer für Kinderrechte befördern.

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