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Diskurs frühkindliche kulturelle Bildung

Wieso, weshalb, warum – wer nicht initiiert, verändert nichts

Gespräch Teil I: Frühkindliche kulturelle Bildung – Erinnerungen und Zukunft

Vor über einem Jahr hat das Netzwerk Frühkindliche Kulturelle Bildung seine Arbeit aufgenommen. Und wir finden, es ist Zeit für ein Gespräch: Warum wurde das Netzwerk gegründet? Was ist bisher geschehen? Wie geht es weiter und warum eigentlich frühkindliche kulturelle Bildung?

Ende April „trafen“ sich die Initiator:innen des Netzwerks zu einem schriftlichen Interview. Jede:r am eigenen Computer, zu der Zeit, die am besten passte. Und trotzdem: Es entwickelte sich ein echtes Gespräch. Lesen Sie hier den ganzen Text – ungekürzt und mit allen Kommentaren, auch denen, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Wieso, weshalb, warum – wer nicht initiiert, verändert nichts
Foto: pixabay

Die Gesprächspartner:innen stellen sich vor – bitte hier klicken.

Wenn ich an Kultur und meine Kindheit denke, fallen mir sofort unsere Theaterbesuche an Weihnachten ein – wobei ich mich gar nicht unbedingt an die Stücke erinnere, sondern eher an das Drumherum. Den Glamour sozusagen und dass ich es geliebt habe. Jetzt sagt mal: Ist das schon frühkindliche kulturelle Bildung?

FH: Na klar. Frühkindliche kulturelle Bildung hat ganz viel mit Erfahrungen zu tun. Es geht also im Museum nicht nur um das Bild an der Wand, sondern um die Erfahrung: den Raum, die anderen Menschen, den Körper, die Gefühle, die Bedeutungen …

AT: Ich bin davon überzeugt, dass es in der frühen Kindheit nicht so wichtig ist, ob etwas “schon Kunst” ist, sondern dass es von der Situation abhängt, in der sich das Kind befindet, ob sich das Kind angesprochen fühlt und was es in der Situation macht.

Das spricht keineswegs gegen künstlerische Qualität und Interaktion mit “richtigen” Künstler:innen. Soll aber darauf aufmerksam machen, dass Interaktion nur passiert, wenn das Ereignis oder die Situation auch beim Kind auf Aufmerksamkeit oder Gestimmtheit trifft.

Ein Beispiel aus meiner Kindheit kann vielleicht veranschaulichen, was ich meine. Im Schlafzimmer meiner Großmutter, bei der ich in meiner frühen Kindheit viel Zeit verbracht habe, war ein großer Wasserfleck an der Decke. Immer wenn ich Mittagschlaf machen sollte und der Schlaf nicht kommen wollte, beschäftigte mich dieser Fleck.

Am Anfang ängstigte er mich, er schien sich zu bewegen, veränderte sein Aussehen so wie Wolken, die der Wind treibt. Ich meinte Tiere zu sehen, Gesichter, Landschaften. Mit der Zeit wurde er mir vertraut, ich ging in dem Fleck spazieren wie in einer eigenen Welt, hatte Namen für die Wesen, die mir begegneten, wurde zur Regisseurin der “Filme” in meinem Kopf.

Keine Kunst, keinerlei Bildungsabsicht der Großmutter, die mich zum Mittagsschlaf anhielt, um mal zwei Stunden Ruhe vor mir zu haben, dafür ein gelangweiltes Kind mit einer großen Einbildungskraft.

JT: Senem, wenn ich deine Erinnerungen höre, werden auch meine geweckt: Wunderblumen malen am Esstisch meiner Oma, dreijährig mein erster Ballettauftritt als Jäger in „Peter und der Wolf“, das gemeinsame Schreinern im Arbeitskeller meines Großvaters… und auch bei mir sind diese Erinnerungen mit ganz vielen Sinneserfahrungen verknüpft – die Akustik eines Theaters, der Geruch von Sägespänen… Kunst erleben mit allen Sinnen.

Die kulturelle Bildung begleitet mich mein ganzes Leben: In meiner Kindheit und Jugend als Rezipienten diverser Angebote nahezu aller künstlerischer Sparten, später wechselte ich die Seiten, erwarb in der Museumspädagogik eine prägende Ausbildung und erfuhr die gesellschaftliche Wirkkraft kultureller Bildungsangebote.

WK: Die Atmosphäre, die Räume, die Bühne, die Kulissen und die Schauspieler:innen haben mich sehr berührt und angesprochen. Diese Erlebnisse haben viele positive Gefühle und tolle Erinnerungen bei mir hinterlassen. Ich hatte als Kind leider sehr wenige von diesen kulturellen Begegnungen, aber die wenigen sind ganz tief in mir verankert.

Gemeinsam mit meinen eigenen Kindern und den Kindern “meiner” Kitas hatte ich später ganz viele tolle Gelegenheiten, das zu erleben. Und dafür bin sehr dankbar. Das Erleben von Kunst und Kultur gehört für mich auf jeden Fall zur frühkindlichen kulturellen Bildung – das ist ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen, mit viel Spaß, Freude und auch mit ein wenig Aufregung – ein dadurch nachhaltiges Erlebnis.

TK: Die Bibliothek, das Stadtmuseum und später auch das Kino, das Theater, waren für mich als Kind Räume von ungeheurer Bedeutung, sie haben mir imaginäre Räume aufgemacht, die das Leben überhaupt erst interessant werden ließen. 

Wie schön, auch eure Erinnerungen zu hören – kulturelle Erlebnisse scheinen uns alle geprägt zu haben. Aber wieso sind diese Erlebnisse wichtig? Mal provokant gefragt: Wird das Leben eines Menschen besser verlaufen, wenn er:sie als Kind mit Fingerfarben experimentiert hat oder mit 3 Jahren schon regelmäßig im Museum war? Als wenn er:sie in der Schule zum ersten Mal ein Bild malt oder als Erwachsene:r zum ersten Mal ins Theater geht?

FH: Es ist ganz entscheidend, dass Kinder Zugänge zu allen Facetten des Menschlichen entwickeln können. Also zu den eigenen Sinnesorganen, zum Körper, aber eben auch zu kulturell geprägten Räumen, Themen, Kunstformen. Und zum Menschlichen gehört natürlich das Miteinander, auch das lässt sich in der kulturellen Bildung erfahren und entwickeln. Es ist doch klar: Das Leben eines Menschen wird schlechter verlaufen, wenn bestimmte Teile des Menschseins verkümmern.

AT: Meine frühe Kindheit fiel in die Fünfzigerjahre, eine Zeit ohne Fernsehen, Computer, Handy. Von allem gab es viel zu wenig. Die wenigen Stücke, die meine Großmutter beim Bombardement von Dresden aus ihrem brennenden Haus hatte retten können, hielt sie hoch in Ehren, die große bemalte Deckelvase aus Meißner Porzellan, Dürers betende Hände in Holz geschnitzt, sein Aquarell vom Veilchensträußchen, der Feldhase.

Für uns Kinder waren das Dinge aus einer verschwundenen Welt, so wie es die Frauenkirche nicht mehr gab, von deren Turm ebenfalls ein Aquarell existierte. Fingerfarben gab es in meiner Kinderzeit nicht, ins Museum hätten meine Eltern mit ihren fünf Kindern auch nicht gehen können, zumal es in dieser Zeit noch niemandem eingefallen wäre, dass ganz junge Kinder dort erstaunliche Erfahrungen machen könnten.

Doch da war viel Wertschätzung für Kunst und alles Kulturelle in meiner Familie, vielleicht weil sie so lange Zeit gefehlt hatten in den Jahren des Krieges.  Meinen Vornamen verdanke ich übrigens Angelica Kauffmann, einer Malerin aus dem 19. Jahrhundert, deren Pastelle im wiedereröffneten Albertinum gezeigt wurden. Meine Eltern waren so beeindruckt vom Ausstellungsbesuch, dass sie beschlossen, ihr noch ungeborenes Kind nach der Malerin zu nennen, wenn es ein Mädchen würde. Und das wurde auch immer wieder erzählt in der Familie. Ich hätte diese Künstlerin gerne kennengelernt.

Von uns fünf Kindern bin ich die Einzige, die sich von früh an so für die Künste interessierte und diese dann auch zu ihrem Beruf machte. Es gibt da also keinen Automatismus, doch wenn wir im Geschwisterkreis über “früher” reden, dann wird deutlich, dass diese frühen Eindrücke eines zugegebenermaßen sehr “bildungs- bis kleinbürgerlichen” Kulturverständnisses keine:n von uns unberührt gelassen haben. Die Eindrücke und Bilder sind bei allen noch sehr lebendig, sind mit Emotionen und Vorstellungen von Wertvollem und Wichtigem verbunden.

Es sind nicht die Fingerfarben, der Theaterbesuch, das Weihnachtsmärchen oder der Besuch im Museum per se und für sich, es ist alles zusammen und noch viel mehr, m.E. ist das Entscheidende die Differenz zwischen dem, was den Fluss von Normalität ausmacht, die immer etwas mit dem “Funktionieren” zu tun hat, heute natürlich eine andere Normalität als in meiner Kinderzeit, und dem, was sich an Geheimnissen, sinnlichen Erfahrungen, emotionalen Eindrücken, Spuren des Eigenen damit verknüpfen lässt und was den Fluss von Normalität ein wenig stört, so wie Steine im Fluss Wirbel verursachen. Die Künste haben ein hohes Potenzial, solche Momente zu erzeugen. Deshalb sind sie so enorm wichtig, auch für ganz kleine Kinder, auch weil diese Art von “Wirbel” so unterschiedlich erlebt, imaginiert und erinnert werden kann.

JT: Ohne engagierte Familienmitglieder:innen, Erzieher:innen und Lehrer:innen und deren Sensibilität zu erkennen, dass ich mit Malen, Schreinern, Theater und und und etwas anfangen, ja, ein Weg gefunden habe, die Welt zu verstehen, wäre ich heute sicherlich nicht die, die ich bin. Mein Leben wäre dann sicherlich um einiges ärmer.

Ärmer wäre ich aber auch um soziale Kompetenzen wie Empathiefähigkeit, um Kreativität, um Lösungswege und natürlich um Menschen, wundervolle Erlebnisse, Erinnerungen und Gefühle. Es darf keine Glückssache sein, dass man als junger Mensch Zugänge zu Kunst erhält. Für mich ist fkB ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, dass jedem Kind zusteht.

WK: Junge Kinder sind neugierig, stehen neuen Erlebnissen sehr aufgeschlossen gegenüber und lernen “spielend”. Warum sollte ihnen gerade ein Bildungs- und insbesondere Lebensbereich vorenthalten werden, der so viel Raum für Fantasie, Kreativität, ganzheitlichem Tun und Selbstwirksamkeit bereithält.

Hier können die Kinder, begleitet von ihren vertrauten Erzieherinnen, schon früh über den eigenen Tellerrand schauen, (kulturelle) Vielfalt erleben, können sich schon früh ein eigenes Bild von Kunst machen und können sich selber ausprobieren.

Am Modell lernen setzt voraus, Gelegenheit zu erhalten, Modelle kennenzulernen. Unsere (ökonomisierte) Gesellschaft und globalisierte Welt braucht kreative Menschen, die kulturelle Vielfalt als Bereicherung empfinden und die offen sind für neue Begegnungen.

Zudem sorgt frühkindliche (kulturelle) Bildung dafür, dass die Schere der Chancen(un)gerechtigkeit nicht noch weiter aufgeht.

Was motiviert euch persönlich, euch für frühkindliche kulturelle Bildung einzusetzen? Und vor allem: nicht locker zu lassen?

WK: Neben dem schon Gesagten stellt frühkindliche kulturelle Bildung eine wichtige Brücke in die Familien dar.

In den Kindertagesstätten werden die Eltern der Kinder noch gut erreicht. In der Regel haben die meisten Eltern, unabhängig vom sozialen Status, Bildungshintergrund und eigener Familiengeschichte ein ehrliches und großes Interesse daran, dass es ihren Kindern gut geht und sie die Möglichkeit auf Teilhabe haben.

Die Kinder tragen ihre Erlebnisse in ihre Familien. Wenn die Themen und Inhalte gemeinsam mit den Kindern auch den Eltern und Familien vermittelt werden, kann ein “nachhaltiger” Funken in den Familien entzündet werden.

FH: Ich empfinde es als meinen Auftrag; ich habe diesen Beruf gewählt und versuche meine Fähigkeiten möglichst sinnvoll für frühkindliche kulturelle Bildung einzusetzen. Und ganz ehrlich: Es macht mir auch unglaublich Freude. Immer wieder, egal mit welchen Menschen und mit welcher Kunst.

TK: Als Schülerin wollte ich ein Praktikum in der lokalen Zeitung machen, mein Traum war es, Journalistin zu werden. Während ich abgelehnt wurde, haben sie den Sohn des Kulturdezernenten genommen.

Ich war die zweite in meiner Familie, die studiert hat, und die erste Frau. Meine stete Motivation ist, mitzuhelfen, Kindern und Jugendlichen Zugang und Teilhabe zu verschaffen. Chancengleichheit würde die Gesellschaft wirklich verändern.

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