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Diskurs frühkindliche kulturelle Bildung Fachartikel

Zugänge zu Musiktheater für die Jüngsten

von Tamara Schmidt

Zwei Personen, ein alter Reisekoffer und drei moderne Hartschalen-Modelle in Pink: Der Flummi reibt auf dem Kofferdeckel, der Geigenbogen streicht über den Schneebesen und die elektrische Zahnbürste surrt auf einem Plastikbecher. Die beiden Sänger*innen säuseln, rufen und singen – wenn da nicht der Kuckuck in seinem gelben Plastikhäuschen wäre, der mit seinem Ruf ständig das Geschehen stört.

Diese Situation fand seit 2015 mehr als 150 Mal statt, wenn die Junge Deutsche Oper mit ihrem mobilen Musiktheater KUCKUCK IM KOFFER (Komposition: Matthias Kaul) Kitas in Berlin und Brandenburg in Musiktheaterbühnen verwandelte. Die etwa 40 drei- bis sechsjährigen Zuschauer*innen und ihre Erzieher*innen tauchten eine gute halbe Stunde in das theatrale Klanggeschehen ein, bevor sie selbst den alltäglichen Gegenständen und ihren Stimmen außergewöhnliche Klänge entlockten und überraschende Perspektiven auf sich und ihre umgebende Welt entdeckten.

Abendkleid und Werkbegriff versus Wickeltisch und Zugänge

Auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin performen allabendlich Sänger*innen von Weltruhm großes Opernrepertoire, namhafte Dirigenten führen einen der herausragenden Klangkörper Deutschlands. Auf der Bühne und im Orchestergraben werden existentielle Geschichten erzählt, gesellschaftliche Themen verhandelt und eine dichte Emotionalität erzeugt. Gleichzeitig sind Musik, Darstellungen und soziales Verhalten geprägt von Symbolen, Stilisierung und Codes. Was meint die Regisseurin mit ihrer Bildsprache, was erzählt der Sänger mit seiner Interpretation? Kleide ich mich besser in Jeans oder Abendkleid, wann sollte ich besser nicht applaudieren und ist eigentlich Popcorn im Zuschauerraum gestattet?

Jüngste Kinder verfügen über kein Wissen zu dieser besonderen Kunstform. Gängige Konventionen sind ihnen fremd, bürgerliche Theatertraditionen haben keine Relevanz. Sie wenden in der Musikrezeption keinen Werkbegriff an, suchen nach keiner übergeordneten künstlerischen Ebene und kausale Zusammenhänge sind von geringem Interesse. Sie sind deswegen aber keineswegs ein anspruchsloses Publikum, im Gegenteil: Sie geben den Darsteller*innen mit ihrem Verhalten stets und unmittelbar ehrliche Rückmeldungen. Als Expert*innen für Wahrnehmung und Weltaneignung wollen sie am liebsten selbst forschen und entdecken. Sie verfügen über ein immenses Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen und bringen eine hohe Bereitschaft mit, sich zu amüsieren.

Wie sollten vor diesem Hintergrund Musiktheater und musiktheaterpädagogische Formate gestaltet sein, um Kindern bis sechs Jahren wirkungsvolle Zugänge zur Kunstform Oper und zu einem Opernhaus als gesellschaftlichen Ort zu ermöglichen? Wie müssen Musik, Szene, Raum und Sprache für die Jüngsten beschaffen sein, damit sie zugleich anspruchsvoll und zugänglich sind? Welche Auswirkungen haben die Spezifika des jungen Publikums auf künstlerische Arbeitsprozesse, Öffnungsprozesse und das Selbstverständnis eines Opernhauses?

Experimentierraum Junge Deutsche Oper

Die Junge Deutsche Oper, das Kinder- und Jugendprogramm der Deutschen Oper Berlin, hat sich die frühkindliche kulturelle Bildung zur Aufgabe gemacht – neben weiteren Schwerpunkten, wie z.B. auf transkulturellem Musiktheater, partizipativer Stückentwicklungen mit Jugendlichen und der schulischen Musiktheatervermittlung. Frühkindliche kulturelle Bildung findet hier im Wechselspiel statt zwischen der Rezeption zeitgenössischer Musiktheaterwerke (Kinder sehen und hören Musiktheater in der Rolle des Publikums) und künstlerisch-ästhetischem Handeln (Kinder entdecken Musiktheater durch das eigene praktische Tun). Im Folgenden werden einige Erfahrungen dieses „künstlerischen Forschungsfeldes“ (Israel 2019, S. 103) beschrieben.

Szenische Konzerte: Alles gehört dazu

Mit den Baby- und Knirpskonzerten fing alles an. Als eines der ersten Theater in Deutschland entwickelt die Junge Deutsche Oper seit 2012 halbstündige szenische Konzerte für die Allerjüngsten und ihre erwachsenen Begleiter*innen. Das Format entspricht den Mechanismen der Wahrnehmung in diesem Alter: Der kleine Raum ohne Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum ermöglicht direkte Begegnungen zwischen Musikerdarsteller*innen und Zuhörer*innen. Die Kinder liegen, sitzen, krabbeln in einer großen Kissenlandschaft und können so das Bühnengeschehen leiblich wahrnehmen und darauf reagieren. In kleinen Handlungsbögen erzählen maximal drei Perfomer*innen episodisch (Klang-)Momente. Große dramaturgische Spannungsbögen oder psychologische Figurenentwicklungen sucht man vergebens. Die Musiker*innen sind, weil sie nicht im Orchestergraben sitzen, sichtbar und somit immer zugleich Darsteller*innen.

Die Baby- und Knirpskonzerte der Jungen Deutschen Oper öffnen ästhetische Räume, in denen Kinder gemeinsam mit ihren erwachsenen Begleiter*innen auf sinnliche Weise Musik, Sprache, Bewegung, Material, Objekte und Licht entdecken können. Die Jüngsten nehmen diese verschiedenen Theatermittel in ihrer Gesamtheit wahr, alles gehört gleichwertig zum Konzert: Der Eintritt in den Raum ebenso wie das Stimmen der Instrumente, der Applaus der Erwachsenen ebenso wie das bewusste (Musik)Spiel.

Musiktheater für die Jüngsten: Eine eigene Kunstform

2015 wagte die Junge Deutsche Oper den Schritt zu einer Uraufführung für Drei- bis Sechsjährige. Das eingangs beschriebene Musiktheater KUCKUCK IM KOFFER spielt auf keiner Theaterbühne, sondern besucht Kinder in ihren Kitas. Hier spielt Oper mitten in der Gesellschaft. Das Publikum erlebt nicht nur, dass Musiktheater mit einfachen Mitteln an jedem Ort stattfinden kann, sondern es entdeckt den Alltagsraum als künstlerischen Ort. Theaterspiel und Klangerzeugung werden als transparente Vorgänge gestaltet, Illusionsspiel („als ob“) findet kaum statt. Im letzten Teil des Stückes sind die Kinder eingeladen, im Bühnenraum eigene Entdeckungen mit ihren Stimmen und den Klanggegenständen zu machen.

Die einfache Handlung steht nicht im Vordergrund, sondern die Hinwendung zur Entdeckung des Materials. Sprache, gesprochen oder gesungen, wird ebenfalls als Spiel mit den Klangmöglichkeiten der Stimme eingesetzt, und nur an ausgewählten Stellen bewusst mit Bedeutung und Wortsinn belegt. Das (stimmliche wie gegenständliche) Material verweist nicht auf eine andere Bedeutungsebene, steht nicht als Symbol für etwas, sondern ist das, was es ist.

Die Uraufführung KLEINES STÜCK HIMMEL (2016, in der Tischlerei) für Kinder zwischen zwei und vier Jahren wurde von der größten Bühne Berlins mit der kleinsten koproduziert, dem Theater o.N., und somit mit einem Partner, der bereits über jahrelange Erfahrungen im Theater für die Jüngsten verfügte. In der Tischlerei, der zweiten Bühne der Deutschen Oper Berlin, wurde ein intimer Raum im Raum erschaffen, in dem 80 Zuschauer*innen dicht an der Spielfläche auf flachen Bänken dem Bühnengeschehen aus nächster Nähe und in geborgener, konzentrierter Atmosphäre folgen konnten.

Die drei Darsteller*innen – eine Schauspielerin, ein Opernsänger, ein Klarinettist – zeigen eine narrative Geschichte: Die heile Welt eines Kindes wird plötzlich von einem schmutzigen, etwas schrägen Vogel mit völlig anderen Bedürfnissen durcheinandergebracht. Ein Stück über Freundschaft und Offenheit gegenüber Fremdem, also kein dezidiertes „Kinderthema“, aber eines, das der Lebensrealität des kindlichen Publikums entspricht. Die Klarinette sowie eine Installation aus Musikinstrumenten (Komposition: Núria Nuñez Hierro), lassen unterschiedlichste Klänge, Geräusche und Rhythmen entstehen. Die Beobachtung der Kinder während der Vorstellungen hat gezeigt: Sie sind neugierig auf ungewohnte Klänge und sind ausgesprochen assoziationsstark. Kinder vertragen Komplexität, die einen Raum für bewusstes Hin-Hören öffnet. Oder wie es Gerd Taube formuliert „[E]ine Kunst der Konzentration der Mittel, jedoch nicht eine Kunst der Vereinfachung“ (Taube 2009, S. 94).

Ein junges Arbeitsfeld

Künstlerisch vollwertiges Musiktheater dezidiert für das jüngste Publikum zu entwickeln, ist ein recht neues Phänomen. Denn Musiktheater für junges Publikum meinte in Deutschland lange Zeit vornehmlich großformatige Kinderoper, Singspiele oder kleine Adaptionen großer Opern für Kinder ab etwa sechs Jahren. Ziel war vornehmlich, das sogenannte Publikum der Zukunft an die tradierte Gattung Oper heranzuführen. Eine Beteiligung der Kinder fand entweder in der Rolle als stilles, rezipierendes Publikum statt oder innerhalb klar zugewiesener Interaktionsmomente.

In den vergangenen Jahren fand eine große Entwicklung statt. Wegweisend war das Symposium „Welches Musiktheater brauchen Kinder?“ mit dem anschließenden Manifest, das zeitgenössisches Musiktheater für junges Publikum als „lebendige und an der Gegenwart orientierte Kunstform“ (Mannheimer Manifest zum Musiktheater für Kinder 2009) versteht. Viele Opernhäuser, so auch die Deutsche Oper Berlin, setzen den selbstgestellten Auftrag in die Praxis um. Im Zuge dieser Entwicklung rückte auch das jüngste Publikum in den Blick und die Diskussion um Legitimation („Brauchen Kleinkinder wirklich Musiktheater?“), Kindheitsbild („Die können noch nicht stillsitzen.“) und Zweck („Mozarteffekt“, „Abonnenten von morgen“) wich einer differenzierten wahrnehmungs- und theaterästhetischen Auseinandersetzung. Kinder werden mit ihrer Neugierde und ihrem Erforschungswillen wahrgenommen und man möchte sie heute für eine lebendige Kunstform begeistern. Dies führt die Musiktheatermacher*innen an die Grundfragen des Musiktheaters, nämlich an die ständige Überprüfung seiner Relevanz und künstlerischen Wirkung.

Kinder als Expert*innen einbinden

Neben der räumlichen Begegnung zwischen Bühne und Publikum findet Beteiligung auch in Form von Einbindung als kindliche Expert*innen statt: Dem Probenprozess von KLEINES STÜCK HIMMEL ging eine Hospitationsphase der Künstler*innen in Kitas voraus, um aus Beobachtungen Rückschlüsse zu ziehen und um Inspiration zu eigenen künstlerischen Entscheidungen zu gewinnen: Wie nehmen Kinder wahr? Womit lassen sie sich begeistern, was bündelt ihre Aufmerksamkeit? Der Probenprozess wurde zudem von einem Rechercheprozess begleitet: Studierende der Fächer Regie, Theaterpädagogik und Rhythmik arbeiteten in Lehr-Lernkonstellationen mit Kindern zweier Kitas an Themen des entstehenden Musiktheaters KLEINES STÜCK HIMMEL. Gewonnene Erkenntnisse wurden an das Regieteam kommuniziert.

Diese Kitas waren zudem die Paten von KLEINES STÜCK HIMMEL – ein Modell, das in allen Kinder- und Jugendopern an der Deutschen Oper Berlin umgesetzt wird. Die Kinder werden zu Proben eingeladen, um das Entstandene durch die Zielgruppe überprüfen zu lassen, entweder im direkten Gespräch oder durch Beobachtung ihrer Reaktionen. Dies ist insbesondere dann möglich, wenn aus konventionellen Produktionsstrukturen von Libretto-Entwicklung, anschließender Komposition und abschließender Inszenierung ausgebrochen wird. Die Bestandteile Text, Musik und Szene werden im Probenprozess entwickelt, was für ein Opernhaus ein ungewöhnlicher Arbeitsweg ist. Voraussetzung dafür ist eine experimentelle Grundhaltung aller beteiligten Künstler*innen.

Koproduktion zwischen Künstler*innen und Kindern, oder: Wer macht die Kunst?

Das mobile Musiktheater EXPEDITION TIRILI (eine TUKI ForscherTheater-Produktion der Jungen Deutschen Oper in Kooperation mit TUKI Bühne, unterstützt von der Robert-Bosch-Stiftung) geht noch einen Schritt weiter: Seit Sommer 2018 gehen Kinder der PFH-Kita Kastanienallee im Rahmen des Programms TUKI Forschertheater gemeinsam mit zwei Musiktheaterpädagog*innen auf halbjährige Forschungsreisen: Die Kinder spüren realen und fiktiven Phänomenen ihres Alltags nach, erforschen diese künstlerisch und zeigen sie am Ende in kleinen Präsentationen.

Die Ausgangsfrage der Kinder zur dritten Forschungsreise (Sommer 2019 bis Januar 2020) lautete „Können uns die Vögel eigentlich verstehen?“. Diese führte die Kinder dazu, ihre Ohren für Geräusche im Stadtraum zu öffnen, Klänge zu sammeln, zu ordnen und anschließend mit Theater zur verknüpfen: Wie können mit Klängen Situationen oder Geschichten erzählt werden? Der große Materialfundus wurde im Rahmen des Programms TUKI Bühne anschließend von professionellen Musiktheatermacher*innen aufgenommen, sortiert und in ein professionelles Musiktheaterwerk transferiert.

Durch die zeitliche Parallelität von Forschungsreise und Stückentwicklung sowie die Personalunion von Theaterpädagog*innen und manchen Künstler*innen entstand ein direkter Austausch. Dessen zentrales Tool war ein Post-System, mit dem sich beide Forschungsgruppen gegenseitig aufgenommene Geräusche, grafische Notationen, Gegenstände oder Fragen zukommen ließen, welche die Forschungsarbeiten auf beiden Seiten beeinflussten. Der Ansatz der künstlerischen Forschung war nicht nur methodische Grundlage der Arbeit in der Kita. Die Untersuchung von Klang, Material und Raum, die Vermittlung von Hören als aktivem Vorgang und das Sprechen über Musik wurden ins Musiktheater übertragen und bilden das Bühnensetting: Zwei Darsteller*innen erforschen Klänge im Raum, mit Hilfe von Mikrofonen, Lautsprechern, einer Loopmaschine und Effektgeräten. Im dritten Schritt geht EXPEDITION TIRILI seit Januar 2020 wieder zurück zu Kindern: Als neue mobile Produktion tourt es durch Kitas und lädt das junge Publikum zum Klangforschen ein.

„TUKI Bühne stellt den Produktionsprozess von Kindertheater als eine koproduzierende Gemeinschaft zwischen Kita-Kindern und Künstler*innen auf“ (Lobert 2020, S. 33): Nicht die Ideen eines Regieteams bildeten den Ausgangspunkt einer Musiktheaterproduktion für jüngste Kinder, sondern die themen- und ergebnisoffene künstlerische Begegnung zwischen Künstler*innen und Kindern.

Künstlerisch-ästhetisches Handeln und Kooperationsmodelle

Unabhängig von den genannten Modell- oder Kooperationsprogrammen haben alle Kita-Kinder an der Jungen Deutschen Oper die Möglichkeit, Musiktheater in seiner Vielfalt kennen zu lernen, zu erleben und selbst zu gestalten. In musiktheaterpädagogischen Workshops erhalten die Kinder mit Musik, Theater, Sprache und Bewegung einen spielerischen Zugang zu einem Werk des klassischen Opernrepertoires oder des zeitgenössischen Musiktheaters, das sie anschließend auf der Bühne erleben. In Workshopformaten mit Musiker*innen des Orchesters der Deutschen Oper Berlin lernen sie durch Zuhören und Selberspielen Instrumente kennen und probieren sich im Zusammenspiel und Aufeinanderhören. In Opernparcours entdecken sie ein Opernhaus als lebendigen und vielfältigen Ort und blicken bei Probenbesuchen Künstler*innen über die Schulter.

In längerfristigen Kooperationen integrieren Kinder den Ort Opernhaus als selbstverständlichen Teil in ihre Lebenswelt. Eine solche Zusammenarbeit war – neben dem oben beschriebenen Programm TUKI Forschertheater – im Rahmen von TUKI Tandem möglich. In dreijährigen Kooperationen arbeitete die Junge Deutschen Oper mit je einer Kita in wöchentlichen Begegnungen. Im Wechsel zwischen Hören und Sehen sowie Selbermachen wurde in der jeweiligen Kita nicht nur Musiktheater als Schwerpunkt ausgebildet. Sondern es entwickelte sich auch ein erfahrenes, mündiges junges Opernpublikum, das in regelmäßigen Aufführungen ihre eigenen Ideen von Musiktheater auf die (Kita-)Bühne brachte und die eigene künstlerische Praktik zu anderen Musik- und Theaterformen in Bezug setzen konnte. Allein solche finanziell und strukturell gesicherten Kooperationen ermöglichen eine frühkindliche kulturelle Bildung, die fest in Kita- und Theaterstrukturen verankert ist und nachhaltig wirken kann.

Multiplikator*innen und Einbezug des Sozialraums

Musiktheater für Kinder zwischen null und sechs Jahren ist nicht nur recht neu, sondern von Erwachsenen auch häufig mit Unsicherheiten und Vorurteilen belegt. Die Frage nach wirkungsvollen Zugängen zu Musiktheater für Jüngste impliziert daher auch immer die Frage nach Zugangsmöglichkeiten für die erwachsenen Kontaktpersonen. In musiktheaterpädagogischen Teamfortbildungen und in Zusammenarbeit mit Erzieher*innen-Fachschulen wirkt die Junge Deutsche Oper daher an der Qualifizierung von Erzieher*innen mit.

Der Bedarf an Multiplikator*innen besteht aber auch an anderer Stelle: Um Musiktheater für jüngste Kinder als eigenständige Kunstform zu etablieren, die eine Brücke zwischen der Tradition der Oper und der Moderne des Musiktheaters schlägt, müssen Komponist*innen, Regisseur*innen, Musiker*innen, Theaterpädagog*innen und Intendant*innen für die Besonderheiten dieser Kunstform sensibilisiert und für neue Arbeitsformen gewonnen werden. Daher ist es wichtig, in Stückentwicklungsprozessen mit klassisch ausgebildeten Künstler*innen eines Opernhauses zu arbeiten, sowie in Lehr-Lernmodellen bereits Studierende als Multiplikator*innen auszubilden.

Mit dem Projekt OPERN-FAMILIE (unterstützt von der Heinz und Heide Dürr Stiftung) verfolgt die Junge Deutsche Oper das Ziel, im Sinne des systemischen early Excellence-Ansatzes verstärkt die Eltern und den Sozialraum der Kinder in frühkindliche kulturelle Bildungsprozesse einzubeziehen. Eltern können auf diese Weise mit ihren Kindern die Deutsche Oper Berlin als zugänglichen Ort des gemeinsamen künstlerischen Erlebens kennenlernen, ungeachtet ihres familiären Hintergrunds oder sozialen Status. Das Projekt musste pandemiebedingt verschoben werden und kann voraussichtlich im Winter 2020 starten. Gemeinsam mit Einrichtungen der Familienhilfe in den die Deutsche Oper Berlin umgebenden Kiezen soll ein Netzwerk frühkindlicher kultureller Bildung im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf begründet werden.

Und jetzt?

Musiktheater und Musiktheatervermittlung für Kinder zwischen null und sechs Jahren ist mitnichten ein Arbeitsfeld, das auf gesicherten Erkenntnissen professioneller Musiktheaterschaffender fußt. Es ist vielmehr von stetigem Ausprobieren und Hinterfragen geltender Theaterregeln sowie der fortlaufenden künstlerischen Begegnung mit Kindern geprägt. Diese suchende, offene Haltung, die ein Grundprinzip unserer Arbeit im Feld des Musiktheaters für die Jüngsten geworden ist, hilft uns nun, flexibel auf die aktuelle Situation zu reagieren.

Um das mobile Musiktheater EXPEDITION TIRILI ab Oktober 2020 wieder in Berliner Kitas spielen zu können, haben wir beispielsweise gemeinsam mit den Performer*innen das Stück kurzerhand uminszeniert, um es den geltenden Hygienevorschriften anzupassen. Diese Flexibilität war möglich, weil sie dem Werk auf Grund der kollektiven Stückentwicklung bereits innewohnte. Und als während der pandemiebedingten Kita-Schließzeit die letzten TUKI Forschertheater-Treffen nicht in der Kita stattfinden konnten, haben sich die beiden Künstler*innen Franziska Seeberg und Julia Bihl aufs Fahrrad gesetzt und sind zu den Kindern nach Hause gefahren. Dort haben sie kleine Szenen improvisiert, in Gärten, Parks oder einfach vor dem Haus.

Tamara Schmidt ist Leiterin der Jungen Deutschen Oper der Deutschen Oper Berlin und Mitglied im Netzwerk Frühkindliche Kulturelle Bildung.

Erstveröffentlichung des Beitrags in: Zeitschrift frühe Kindheit, 5/20, 23. Jahrgang, Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft e. V.

Literatur

Israel, A. (2019): Musiktheater für das allerjüngste Publikum – ein künstlerisches Forschungsfeld. In: Plank-Baldauf, C. (Hrsg.): Praxishandbuch Musiktheater für junges Publikum. Konzepte – Entwicklungen – Herausforderungen. Berlin.

Lobert, V. (2020): Ein Plädoyer für TUKI Bühne. Neue Produktionsprinzipien für das Kindertheater. In: TUKI Bühne. Funken Flüge. Berlin.

Mannheimer Manifest zum Musiktheater für Kinder (2009): https://kindermusiktheater.wordpress.com/mannheimer-manifest/ (Abruf am 26. 9.2020).

Taube, G. (2009): First Steps – Erste Erträge. Zu ästhetischen Eigenarten des Theaters für die Allerkleinsten. In: dan Droste, G. (Hrsg.): Theater von Anfang an! Bildung, Kunst und frühe Kindheit. Bielefeld.