Frühe Erfahrungen, lange Wirkung

Frühe Erfahrungen, lange Wirkung
© Markus Spiske, Unsplash

Bevor wir erfahren, wer Du bist und was Du machst, möchten wir Dich fragen: Welche Adjektive fallen Dir ein, wenn Du an frühkindliche kulturelle Bildung denkst?

Sinfordidodudaktiv, forsintellektisch, explopatisiv

Und nun freuen wir uns über ein paar Worte über Dich selbst: Wer bist Du? Was machst Du?

Mein Name ist Veit Güssow und habe eine Professur mit einem Schwerpunkt Ästhetische Bildung und Kulturarbeit im Sozialen in Nürnberg und beschäftige mich hier insbesondere auch mit frühkindlicher Ästhetischer Bildung. Bevor ich fest an die Hochschule gekommen bin, habe ich unter anderem an Stadttheatern, Opernhäusern und in der Improvisationstheaterszene in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet.

Was ist das Besondere an deiner Arbeit/ deinen Projekten?

Ich hoffe, bei jedem Projekt etwas anderes. Das kreative Potential der Verbindung von Improvisation und Vorausplanung ist vielleicht ein konstantes Element, das mich auch in der frühkindlichen Ästhetischen Bildung maßgeblich interessiert.

Was ist Deine persönliche Motivation, Dich für frühkindliche Kulturelle Bildung einzusetzen?

Ich habe zwei Kinder, die das Thema privat dauernd präsent halten. Mit ihnen hatte ich sehr positive Erlebnisse, habe aber auch problematische Herangehensweisen kennengelernt. Das hat mich gereizt, selbst Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen, weiter zu probieren.

Daneben habe ich als Jugendlicher von Keith Johnstone das Buch „Improvisation und Theater“ gelesen. In einem Kapitel beschreibt er, wie Schule systematisch Kreativität hemmt und abwürgt. Im Kindergarten(alter) gibt es viele objektive Hemmnisse noch nicht. Das ist eine riesige Chance.

Gibt es eine besondere Begegnung oder ein Erlebnis aus deiner Arbeit, das dich besonders berührt oder geprägt hat? 

Der Besuch des Zentrums für Reggio-Pädagogik in Reggio Emilia. Wer etwas südlich vom Gardasee unterwegs ist, sollte einen Stopp einplanen.

Was würdest Du sagen: Was nehmen Kinder aus der kulturellen Bildung mit – vielleicht sogar mehr, als wir Erwachsenen denken? 

Da ich kein Kind bin ist die Antwort schwierig… Ich merke aber an mir selbst, wie positiv präsent noch immer Erinnerungen aus der Kindergartenzeit sind:  erste Theater- und Museumsbesuche, die Herbstatmosphäre beim Laternenumzug, die Begegnung mit verkleideten Menschen (wie Nikolaus und Verkehrserziehungsmaus), der Stolz auf Bastelarbeiten etc. In späteren Lebensphasen haben sich immer weniger Ereignisse so nachhaltig in meiner Erinnerung verankert. Ich vermute daher, dass jede Mühe, die man sich hier macht, es wert ist.

Was bedeutet das Netzwerk frühkindliche kulturelle Bildung für Deine Arbeit?

Eine Inspirationsquelle und Austauschgelegenheit: Hier habe ich viele kluge Projekte und überraschende Herangehensweisen kennengelernt sowie viele fachlich kompetente und hochmotivierte Akteur:innen aus sehr unterschiedlichen Bereichen und mit unterschiedlichen Perspektiven.

Wenn Du der Politik, der Gesellschaft oder den Fachkräften in Kitas und Kultur etwas mit auf den Weg geben könntest – was wäre das? 

Vielen Fachkräften, denen ich begegnet bin, kann ich nur Dank mit auf den Weg geben, für unterschiedlichste Dinge, die ich lernen konnte: Wie man Bürokratie nicht zum Hemmnis werden lassen muss, wie man unterschiedliche Bedürfnisse nicht durch pauschale Regeln unterbinden muss, wie man mit Freude Dinge wagen und Fehler machen kann und, und, und.

An die Politik: Die Herausforderungen der frühkindlichen Bildung ließen sich ziemlich sicher hervorragend bewerkstelligen, wenn alle Institutionen im Kern – und in aller Konsequenz bspw. für finanzielle & personelle Ausstattung, Betreuungszeiten & Flexibilität – an den Bedürfnissen der Kinder orientiert wären. Und wenn auch deren erwerbsabhängige Eltern in Lebenslagen versetzt wären, in denen sie wirklich ausreichend Zeit und Kraft für die Bedürfnisse der Kinder (und die eigenen) zur Verfügung hätten.

Politiker:innen, denen bei diesem Vorhaben gleich viele Bedenken und Verhältnismäßigkeiten einfallen, sollten umdenken.

Zum Abschluss wollen wir einmal in die Zukunft schauen: Wie müsste eine Welt aussehen, in der unser Netzwerk nicht mehr benötigt wird?

Ein gutes Netzwerk ist immer sinnvoll. Es wäre also eine Welt, in der solche Netzwerke keine Besonderheit darstellten, in noch größeren Dimensionen gedacht würden und doppelt so selbstverständlich finanziert würden wie Autobahnnetze.

Veit Güssow, © privat

 

Interesse an Prof. Dr. Veit Güssows Arbeit? Hier finden Sie eine seiner Publikationen: „Die Präsenz des Schauspielers“.