Fabian Hofmann, Professor für ästhetische Bildung und Erziehung an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, übernimmt im April 2026 eine Gastprofessur an der Universität Modena-Reggio Emilia (Italien). Er lehrt dort im PhD-Programm „Reggio Childhood Studies“. Als Gastprofessor wurde er eingeladen, die Kulturelle Bildung in der Reggio-Pädagogik zu stärken, und er wird dabei die Sozialität als Mit-Werden in den Fokus stellen.
Die Reggio-Pädagogik ist ein frühpädagogischer Ansatz, entwickelt von zahlreichen Frauen vor Ort, und stark verbunden mit dem Namen Loris Malaguzzi. Sie verstehen Kinder als aktive, neugierige und kompetente Lernende. Lernen erfolgt vor allem durch eigenes Entdecken, kreatives Arbeiten und gemeinsame Projekte, die sich an den Fragen der Kinder orientieren. Erwachsene (Erzieher:innen, aber auch eine „atelierista“ in jeder Kita) begleiten und beobachten den Lernprozess statt ihn vorzugeben, während die Umgebung als „dritter Erzieher“ bewusst gestaltet wird, um Austausch und Kreativität zu fördern. Enge Zusammenarbeit mit den Eltern und im Stadtteil sind zentrale Bestandteile, mit dem Ziel, Selbstständigkeit, Kreativität und soziale Kompetenzen zu stärken.
Über Fabian Hofmanns Aufenthalt und Arbeit wollten wir mehr erfahren und haben ihm ein paar Fragen gestellt!
Reggio Emilia gilt als Mekka der frühkindlichen Bildung und jetzt mischst du dort mit deinem Schwerpunkt Kulturelle Bildung mit. Was reizt dich an Reggio?
Die Menschen rund um die Reggio-Pädagogik, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte, sind unglaublich inspirierend. Deswegen freue ich mich auf die Begegnungen vor Ort und auf das, was daraus folgt.
Und obwohl das Ästhetische eine große Rolle in der Reggio-Pädagogik spielt, gibt es an der Universität dort keine Professur für Kulturelle Bildung. Was ich also einbringen kann, sind Verbindungen von Praxis und Theorie zur Kulturellen Bildung. Vor allem meinen Schwerpunkt: Kulturelle Bildung in ihrer Sozialität als Mit-Werden.
„Sozialität als Mit-Werden“ – was steckt genau dahinter? Und wie verändert dieser Blickwinkel unsere Vorstellung davon, was Kinder in kreativen Prozessen eigentlich miteinander tun?
In der Kulturellen Bildung kann man erleben, wie sich ein Miteinander gestalten lässt. Kinder können schon im Sandkasten erfahren, wie sie sinnlich auf die Welt zugreifen können und die Welt formen können und was das mit ihnen selbst macht. Das ist Partizipation.
Und da würde ich sagen: Das ist eine Sozialität. Aber eine Sozialität nicht nur aus Menschen, denn der Sand spielt ja eine zentrale Rolle, oder die Vorstellung einer Burg… und die kleine Fliege, die auf der Sandburg Spuren hinterlässt und sie auf diese Weise mitgestaltet.
Kulturelle Bildung kann diese Erfahrungen und Kompetenzen schaffen, und die braucht es heute mehr denn je: Kinder, die die Welt von heute und von morgen gestalten wollen und können. Gemeinsam mit den Erwachsenen, der Natur, dem Stadtraum, der Kunst und vielem mehr. Insofern meine ich eine Sozialität, die nicht nur Menschen umfasst. Und in der niemand unverändert bleibt. Es ist – hier verwende ich einen Begriff der feministischen Biologin Donna Haraway – eher ein Mit-Werden. Wenn wir Sozialität als Mit-Werden verstehen, erfordert es Sensibilität, Berührbarkeit und Verantwortung.
Hand aufs Herz: Was können wir in Deutschland von der der Reggio-Pädagogik lernen, um Kindern Raum für ästhetische Erfahrungen zu geben? Und was bringst du aus Düsseldorf mit nach Italien?
Zentral ist: Wir müssen die Anliegen von Kindern und Familien als politische und kulturelle Fragen behandeln. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir sie in Deutschland oft nur als organisatorische Fragen behandeln. Die Reggio-Pädagogik geht aber von einem Potenzial aus, vom Überfluss: Kinder haben hundert Sprachen, und noch hundert und hundert, sagt Loris Malaguzzi in einem Gedicht. Auf diese Weise Pädagogik zu denken ist wunderbar. Das sollten wir mehr wagen.
Als Wissenschaftler versuche ich generell, die pädagogischen Erfahrungen und das Leben in der Kita in einer bestimmten Form zu sortieren – mit empirischer Forschung und theoretischen Konzepten. Vielleicht kann ich damit auch in Italien Brücken bauen, Begriffe und Denkweisen anbieten und gemeinsam weiterentwickeln. Ich bin mir noch nicht sicher, inwiefern es in der Reggio-Pädagogik auch ein klareres Verständnis braucht, was Kunst, Kultur und Kulturelle Bildung ist. Vielleicht bringe ich vor allem Fragen mit…
Du arbeitest im PhD-Programm mit internationalen Doktorand:innen. Welche Frage zur frühkindlichen kulturellen Bildung brennt dir besonders unter den Nägeln – und hoffst du, dort gemeinsam anzugehen?
Zunächst mal frage ich mich, wie in der Reggio-Pädagogik dieses „Feuer“ entsteht. Was sind die Methoden? Wie werden Fachkräfte dafür ausgebildet?
Vermutlich sind aber diese Fragen schon falsch, zu sehr aus einer Steuerungslogik heraus gedacht. Ich glaube, dass die Reggio-Pädagogik vor allem Begegnungen stiftet – zwischen Menschen, Materialien, Kunstwerken und vielem mehr. Und aus dem vernetzten Potenzial heraus dann weiterarbeitet. Also ist die Frage: Wie können wir in der Pädagogik folgenreiche Begegnungen stiften?

Fabian Hofmann, © privat
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