Frühkindliche kulturelle Bildung als gemeinsame Verantwortung in Rheinland-Pfalz
„Wenn Kinder wählen könnten, dann …“ Mit dieser Frage eröffneten wir das Stadt.Land.Kind-Gespräch mit Sven Teuber, dem Bildungsminister für Rheinland.Pfalz, und Netzwerkenden aus Wissenschaft, Stiftungs- und Verbandsarbeit und Elternvertretung aus Rheinland-Pfalz. Die Antworten reichten vom Wunsch nach mehr Mitbestimmung über das Recht auf Spiel bis hin zu einer gerechteren Welt.
Doch schnell wurde deutlich: Hinter dieser Einstiegsfrage stehen grundlegende strukturelle Themen: Vernetzung, Zuständigkeiten, politische Strategien und die Frage, wie Verantwortung in unserem Bildungssystem tatsächlich wahrgenommen wird.
„Ich will spielen“ – und ernst genommen werden
Prof. Dr. Wiebke Lohfeld von der Universität Koblenz brachte eine zentrale Perspektive ein:
Kinder würden wählen, spielen zu dürfen.
Spiel steht hier nicht für Beliebigkeit, sondern für Selbstwirksamkeit, Weltaneignung und ästhetische Erfahrung. Kulturelle Bildung ist kein Zusatzprogramm – sie ist eine grundlegende Form, wie Kinder sich selbst und ihre Umwelt verstehen lernen.
Gerade im frühkindlichen Bereich entscheidet sich, ob Bildungsprozesse als Beziehungs- und Erfahrungsräume gedacht werden – oder primär als Vorbereitung auf spätere Leistungsanforderungen.
Zwischen Stadt und Land: Strukturelle Ungleichheiten
Als Flächenland steht Rheinland-Pfalz vor besonderen Herausforderungen, so Christina Biundo von der Servicestelle Kulturelle Bildung. Die kulturelle Infrastruktur ist regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während Städte über vielfältige Einrichtungen verfügen, sind Angebote im ländlichen Raum oft schwerer zugänglich. Mobilitätsfragen, fehlende kontinuierliche Kooperationen und projektbezogene statt struktureller Finanzierung erschweren gleichwertige kulturelle Teilhabe. Hier wurde deutlich: Frühkindliche kulturelle Bildung braucht nicht nur einzelne Leuchtturmprojekte, sondern landesweite Strategien.

Kulturelle Bildung als Querschnittsaufgabe
Ein zentrales Thema der Diskussion war die strukturelle Verankerung kultureller Bildung.
Frühkindliche kulturelle Bildung bewegt sich zwischen Bildungs-,Sozial- und Kulturpolitik. Doch häufig verlaufen Zuständigkeiten entlang von Ressortgrenzen. Was fehlt, ist eine systematische Vernetzungsstrategie auf Landesebene.
Der Landtagsabgeordnete Sven Teuber betonte die Notwendigkeit enger Verzahnung zwischen Bildungs- und Kulturpolitik. Strategische Ansätze könnten sich etwa ergeben:
- in der Weiterentwicklung des Kita-Gesetzes,
- in der Fortschreibung der Bildungs- und Erziehungsempfehlungen,
- oder in kulturpolitischen Förderstrukturen,
Kulturelle Bildung müsse als Querschnittsaufgabe verstanden werden – nicht als optionales Add-on, sondern als integraler Bestandteil von Bildungsqualität.
Vernetzungsstrategien auf Landesebene: Vom Projekt zur Struktur
Das Gespräch machte deutlich: Vernetzung ist kein Selbstzweck. Sie schafft politische Wirksamkeit. Eine tragfähige Strategie für Rheinland-Pfalz braucht:
- eine dauerhafte Plattform für Austausch zwischen Kultur, Bildung, Wissenschaft und Politik,
- verbindliche Kooperationsstrukturen zwischen Kitas und Kulturschaffenden,
- ressortübergreifende Abstimmung auf Landesebene,
- stärkere Einbindung wissenschaftlicher Expertise,
- kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsangebote.
Das Netzwerk Frühkindliche Kulturelle Bildung versteht sich hier als Mittlerstruktur – zwischen Praxis und Politik, zwischen kulturellen Akteur:innen und Bildungssystem.
Verantwortungsgemeinschaft – oder Verantwortungsverschiebung?
Ein besonders klarer Impuls kam aus der Elternvertretung.
Annegret Neukschwender vom Landeselternausschuss sprach von der Gefahr einer „Verantwortungsverschiebungsgemeinschaft“: Zuständigkeiten würden weitergereicht, statt Verantwortung tatsächlich zu übernehmen.
Im Kita-Bereich wird häufig von einer Verantwortungsgemeinschaft gesprochen – zwischen Trägern, Land, Kommunen, Fachkräften und Eltern. Doch diese Gemeinschaft funktioniert nur, wenn alle Beteiligten ihre Rolle aktiv wahrnehmen:
- Politik muss Rahmenbedingungen sichern.
- Träger müssen Offenheit für Kooperation ermöglichen.
- Einrichtungen brauchen Ressourcen und multiprofessionelle Teams.
- Eltern müssen verbindlich beteiligt werden.
Demokratische Beteiligung beginnt in der Kita. Wenn Kinder und Eltern dort erleben, dass ihre Stimmen Wirkung entfalten, entsteht Bildungs- und Weltvertrauen.
Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung: Gemeinsame Zukunftsarbeit
Julia Schneider von der Deutsche Kinder- und Jugendstiftung verwies auf die enge Verbindung zwischen kultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).
Zukunftskompetenz entsteht nicht durch isolierte Projekte, sondern durch kontinuierliche Erfahrungsräume. Resilienz, Kreativität und Gestaltungsfähigkeit entwickeln sich dort, wo Kinder erleben, dass ihre Ideen Bedeutung haben.
Auch hier gilt: Es braucht strukturelle Verankerung in Ausbildung, Fortbildung und Förderpolitik.
Eine Frage der Haltung – und der Struktur
Wir halten nach der Diskussion fest:
Frühkindliche kulturelle Bildung ist keine Frage einzelner Programme, sondern eine Frage politischer Haltung und struktureller Entscheidungen.
Wenn Kinder wählen könnten, würden sie vermutlich:
- Menschen wählen, die zuhören,
- Strukturen, die Spiel ermöglichen,
- Systeme, die Beteiligung ernst nehmen,
- und Politik, die Verantwortung nicht verschiebt, sondern übernimmt.
Die Landesgruppe Rheinland-Pfalz des NFKB wird diesen Dialog weiterführen: als Plattform für Vernetzung, als Impulsgeber für landesweite Strategien und als starke Stimme für Kinder.
Denn kulturelle Bildung ist kein Zusatz.
Sie ist Fundament einer demokratischen, gerechten und zukunftsfähigen Bildungslandschaft.
